Die afrikanische Viertelstunde

„Schieß!“ Die Stimme duldet keinen Widerspruch: “Tire! Allez, ma puce!“ Der Floh tritt unbewegten Gesichts in den Kreis, schwingt mit dem ganzen Körper kurz nach rechts und links, bis beide Füsse einen festen Stand im knirschenden Kies gefunden haben, senkt den Kopf so weit, dass er die gegnerische Kugel neun Meter entfernt genau im Visier hat. Zieht den rechten Arm mit der 690-Gramm-Kugel weit nach hinten bis in Schulterhöhe und schwingt sauber und ohne sichtbare Anstrengung nach vorne durch. Öffnet im richtigen Augenblick die kugelhaltenden drei Finger und jeder hier in Namur sieht an der halbhohen Bahn der Kugel, dass gleich mit kurzem, trockenen Knall Metall auf Metall treffen wird. 9:4 steht es jetzt. Der Floh heisst Nancy, ist 19 Jahre alt und die Tochter von Malou Vermeulen. Malou trägt eine üppige rötliche Dauerwelle, eine Sonnenbrille nach Pilotenart und graue Leggins oder Strumpfhosen, ich kenne mich da nicht so aus. Malou ist Möbelverkäuferin in Brüssel, wahrscheinlich Brabanter Barock, wenn es so etwas gibt. Arlette legt, Nancy schiesst, Malou spielt milieu und ist die Chefin im Triplette.


Die afrikanische Viertelstunde

Rausch und Verzweiflung – Von Menschen,
die sich die Kugel geben. Und davon keinesfalls
lassen wollen

Eine Reportage von Georg Ossenbach
Fotos von Klaus Mischka




Noch 4 Punkte bis 13. Bei 13 ist Schluss. Immer mehr Zuschauer drängeln sich am Rand der mit Bindfäden abgesteckten Bahn. Keiner hat Malous Triplette auf der Rechnung. Die Stars - das sind die Gegnerinnen.
Noch eine Nancy. Nancy Barzin. Ist mit Fabienne Verdoyer schon fünfmal belgische Meisterin gewesen. Und wird auch die diesjährige, wie mir Monsieur Pizzetti von der Fédération Belge Francophone mit träumerischem Blick anvertraut. Nancy würde selbst auf einer Sportmodenschau alle Blicke auf sich ziehen mit ihrem langen blonden Pferdeschwanz, der ihr hinten aus der grau-grünen Baseballkappe quillt. Und natürlich schiesst sie wie der Teufel. Nur heute nicht.
Zwar hat sich ihr Team noch herangekämpft, aber dann wird es eng. Drei Kugeln verschossen. Einsam auf kiesiger Flur liegt glänzend die umkämpfte Kugel vorm Cochonnet. Live is Live, dudelt es aus der Beschallung, die ich erst jetzt wahrnehme. Es ist doch alles so atemlos still. Und dann misslingen den Meisterinnen auch noch die Verteidigungskugeln, grande cathastrophe.
Jetzt übernimmt Malou wieder das laute Kommando und das Ende dauert keine drei Minuten. Arlette legt eine ziemlich gute Kugel hin, fast ohne hinzusehen. Nancy entfernt kaugummikauend Fabiennes beste Kugel mit einem sauberen Schuss und Malou hockt sich hin, ruckelt an der Sonnenbrille, befördert ihre Kugel hoch in den

      

Himmel und dann bohrt sie sich direkt neben der ersten Kugel in den aufspritzenden Kies. Dreizehn. Schluss. Küsschen rechts und links und eine tiefgezogene Kappe, damit niemand sieht, dass da vielleicht Tränen fliessen.
Auf dem Carré d’honneur mit seinen Zuschauertribünen beginnt jetzt das Halbfinale. Eine halbe Stunde war Pause, Malou hat ein grosses Bier zur Brust genommen, Gratulationen entgegengenommen und grossmütig die am Boden zerstörten Favoritinnen getröstet. Und jetzt läuft gar nichts mehr in ihrem Triplette. Arlette legt schlecht, Nancy trifft nicht, Malou zieht mit ihrer letzten Kugel das Schweinchen zu den Kugeln der Gegnerinnen, was denen vier dicke Punkte beschert. Drei kräftige, blonde Mädels aus Flandern können gar nicht fassen, dass sie plötzlich gegen die gewaltige Malou auf den Sieg zutaumeln.
Malou ist fassungslos. Als wir sie drei Wochen später in Brüssel wiedersehen, fegt sie allerdings längst wieder Gegner vom Platz, am liebsten Männer. Sie hat jetzt auch eine Erklärung für das Debakel von Namur. Erst dieser Sieg gegen Fabienne und Nancy, sagt sie, du bist wie im Rausch, ganz oben, aber nicht auf dem Platz. Und wenn du dann die erste Kugel versaut hast und bei der zweiten zu lange gegrübelt, dann ist sie plötzlich da, die afrikanische Viertelstunde - le quart d’heure africain.
Und du schwörst, nie wieder so eine alberne Kugel anzufassen.

Warum nicht Madagaskar?

Christian hatte schallend gelacht. Wer soll Weltmeister sein? Madagaskar? Im Boulespielen? Christian hat natürlich selbst ein handliches Holzköfferchen mit Eisenkugeln und gehört zu jener Kategorie Reisender, die schon mal auf provencalischen Dorfplätzen zugeschaut hat.
Wieso nicht Madagaskar, hatte ich zurückgefragt. Erstens spielen die das ganze Jahr über, weil da vermutlich immer Sommer ist. Und das von Kindesbeinen an. Und zweitens war die Weltmeisterschaft auf Réunion, was irgendwie zu Frankreich gehört, aber im Indischen Ozean liegt: für Madagaskar also praktisch ein Heimspiel. Und die Franzosen? Was haben die dazu gesagt? Wenig, hatte ich gesagt und Christians restliche Illusionen zerstört. Das französische Triplette war nicht einmal im Endspiel. Vize-Weltmeister ist Belgien. Hast du noch nie von Claudy Weibel gehört? Der spielt

     

seit Jahren mit Lozano und Vancampenhout zusammen. Und die Ex-Weltmeister Quintais und Le Dantec kommen heute regelmässig aus Frankreich rüber, um mit den Belgiern zu spielen.
Ich hatte mich nachgerade in Begeisterung geredet. Ist doch immer wunderbar, wenn Abonnements-Weltmeister von Sport-Exoten abgewatscht werden! Denn wenn sich das Spiel mit den Eisenkugeln in den letzten Jahren auch bis nach Thailand oder Neuseeland verbreitet hat: In Frankreich spielen immer noch mehr Menschen Boule als in allen übrigen Ländern zusammen. Wahr ist allerdings auch: jedes Jahr, wenn der französische Verband seine WM-Mannschaft nach undurchschaubaren Kriterien nominiert, gibt es Ärger. Zu viele Weltmeister der letzten Jahre und hungrige Senkrechtstarter müssen zuhause bleiben. Obwohl auch sie die meisten teilnehmenden Mannschaften mit links schlagen könnten. Ausser Madagaskar natürlich. Und Belgien.
Ich selbst spiele übrigens auch - mit links. Jedenfalls zur Zeit. Wegen einer Schulterverletzung. Diese Turniersaison kann ich abhaken.

Die Wegelagerer in Köln



Eines Abends Ende April ruft Jean-Marc Bourdoux an, den seine belgischen Kollegen wegen seiner Ähnlichkeit mit einem früher sehr berühmten Fußballspieler nur JPP nennen. Ich selbst würde ihn liebend gerne mit Bourdoux anreden, weil man das x mitspricht. JPP ist seit 25 Jahren mit der belgischen Armee in Deutschland. In Dellbrück, einem Kölner Vorort, rechtsrheinisch. Es gibt da drüben ein richtiges belgisches Viertel mit Kaserne, Schule und dem Petanque-Club ,,Les Arsouilles“. Selbst mit einem dicken Wörterbuch habe ich nicht herausfinden können, was das heisst. JPP sagt, es handele sich um Lumpen. Christian Charlot, der Hausmeister in der Schule gegenüber , spricht von Wegelagerern oder Tunichtguten. bzw. den witzigsten bei den Räubern. Auf jeden Fall wird hier eine sehr ordentliche Kugel gespielt. Auch die Würstchen, Steaks und Fritten sind allererster belgischer Qualität.
JPP Bourdoux fragt an, ob ihn einige deutsche Spieler und -innen unterstützen könnten. Sie hätten da ein Turnier Köln gegen Brüssel, genauer gesagt ,,Les Arsouilles“ gegen den P.C. Terdelt aus ihrer Hauptstadt. Wir rücken am Sonntag zu fünft pünktlich an.









Der Bus mit den 42 Damen und Herren ist bereits da, aus dem einen Begrüssungs-Apéritif sind schon drei bis vier geworden, Dellbrücks Präsident André Vanesse hat einige wohlgesetzte Worte verloren. Gespielt wird in Doublettes, 21 Brüsseler Zweier-Teams gegen 21 Kölner Belgier und Hilfs-Belgier. Vier Runden. Das spielerische Niveau der Brüsseler ist eher lausig und der sonnige Tag ein Riesenerfolg. Belgisch Dellbrück gewinnt 66 Spiele, Brüssel 18. Und ist trotzdem rundum glücklich.
Im Schatten einer alten Kastanie wird Monsieur le Président ungewohnt mitteilsam. Die Sache sei nämlich die: voriges Jahr habe man das erste Mal gegen den P.C. Terdelt gespielt. Hier in Köln-Dellbrück und natürlich auch gewonnen. Jetzt sei Brüssel als Gastgeber dran gewesen. Kurz vor dem vereinbarten Termin sei nun seinem Präsidenten-Kollegen plötzlich aufgefallen, dass der Platz in Terdelt mit sieben Bahnen für 21 Spiele gleichzeitig doch etwas unterdimensioniert sei, weshalb man auf das Heimrecht verzichten und lieber wieder nach Köln kommen wolle. Natürlich habe Vanesse – im Privatleben als Premier Caporal Chef technischer Leiter der Rasenmäher-Brigade in der Kaserne von Spich – das taktische Spielchen sofort durchschaut. Keinesfalls wolle er die Platzverhältnisse in Brüssel anzweifeln.
Tatsache sei aber, dass sein Verein Grillgut und vor allem Bier aus Nato-Beständen gewissermaßen zu Vorkriegspreisen anbieten könne. Und wenn ich mich umschaute, sei ja wohl klar, dass heute die Vereins-Kriegskasse ganz ordentlich aufgefüllt worden sei.

   

Doch, die Brüsseler wirken sehr, sehr glücklich. Und das kann nichts mit dem sportlichen Ertrag dieses Tages zu tun haben.
Claude, der bei Turnieren den Barkeeper abgibt, zeigt auf besonderen Wunsch einiger Brüsseler Damen seinen aufwendig tätowierten Oberkörper her und dann müssen alle, die zu null verloren haben, sich bücken und den entblößten Hintern einer drallen Weibsgestalt küssen. Boulistisches Brauchtum, das von Maxi,



   

einer Bickendorfer Unterstützungs-Spielerin, sofort als frauenfeindlich durchschaut wird. Zum guten Schluss verteilen verteilen zwei sehr animierte Präsidenten 84 kleine Pokale, für die Pierre, der Vize, in einer hit and run-Aktion eigens nach Charleroi gefahren ist. Dort sind sie billiger.
Heute hat die kleine belgische Kolonie in Köln gezeigt, dass mit ihr noch zu rechnen ist. Sie hat schon bessere Zeiten erlebt. Die Armee ist notorisch klamm, die Kaserne auf der anderen Seite der Hauptstrasse hat sie aufgegeben, deutscher Zoll und Grenzschutz führen jetzt hier das Kommando. Das Fähnlein der letzten Aufrechten in Dellbrück pendelt jetzt nach Spich, 20 Kilometer rheinaufwärts. Monsieur Charlot, der Hausmeister, pendelt auch. Jedes zweite Wochenende fährt er nach Charleroi, wo er noch ein Häuschen hat. Er muss dort nach dem Rechten sehen, Rasen mähen, alles in Schuss halten, sagt seine Frau. Aber jeder hier weiss natürlich, dass Charlot sein Haus nur für wenige Stunden Nachtschlaf sieht, denn im Boulodrome unter der Messehalle von Charleroi wird jedes Wochenende verschärft gespielt. Keine grossen Summen,



sagt Christian, aber immerhin hoch genug, dass man mit anspruchsvollen Spielern unter sich sei. Und vor allem: Philippe Quintais, die derzeitige französische Boule-Legende, kommt häufig nach Charleroi.
Gut, gibt er zu, er kommt natürlich auch wegen Fabienne. Die und Nancy Barzin, die sind einfach in jeder Beziehung Spitze!
JPP Bourdoux ist bei den Wegelagerern bzw Tunichtguten von Köln-Dellbrück für die sportlichen Belange zuständig. Er trainiert den Nchwuchs und stellt die beiden Ligamannschaften auf. „Les Arsouilles“ spielt in der 1.Liga Rheinland(Ost) meist auf den vorderen Plätzen mit. Wenn wir die Vize-Weltmeister Claudy, Dédé ind Michel kennenlernen wollen, sagt Bourdoux, müssen wir nach Namur fahren: zur Belgischen Triplette-Meisterschaft.
Gespielt werde in der alten Zitadelle, hoch über der Stadt. Wäre also leicht zu finden. Und wir sollten nach Georges Beka Ausschau halten, der sei ein Klassespieler, habe mit Roger Demeulder schon dreimal ihr Dellbrücker 24-Stunden-Turnier gewonnen und wohne auch in Namur.

Georges, Claudy und die Spitzenkräfte





Von hier sind belgische Freiwillige mit General Patton 44/45 in die Schlacht um Deutschland gezogen, teilt eine Bronzetafel an der meterdicken Festungsmauer mit. Heute wird aber hier scharf geschossen.
128 Mannschaften zu je drei Spielern haben sich in ihren Provinzen für die Meisterschaft qualifiziert. Jetzt, am Samstag, wird in Vierergruppen gespielt, zwei Triplettes kommen weiter, zwei fliegen raus. Morgen vormittag wird das Feld nach dem gleichen System auf 32 Mannschaften reduziert - dann geht es im K.O.-System weiter bis zum Finale. Es ist kühl und windig an diesem späten Mai-Wochenende. Nur selten kommt die Sonne heraus. Die Turnierleitung hat sich im Militärmuseum etabliert, die Mitglieder der ortsansässigen Vereine St.Servais und Jambes betreiben mit Brötchen und selbstgebackenem Kuchen eine gutgehende Cafeteria, es gibt ein Zelt mit Bierausschank und Holzbänken und wieder brutzeln diese saftigen belgischen Würstchen auf dem Grill. Ist doch wie in Wimbledon, sagt Georges Beka, den wir endlich mitten in einem Spiel aufgestöbert haben. Nur dass noch nie jemand auf die Idee gekommen, ist Eintritt zu verlangen.





Georges Beka ist ein kräftiger, untersetzter Mittfünfziger mit weissen Haaren. Er lacht viel und grüsst gut gelaunt vorbeischlendernde Zuschauer und Spieler. Nur wenn er in den Kreis tritt und ausholt, wird sein Mund zu einem geraden, entschlossenen Strich. Georges ist der Tireur im Team, er schiesst die besonders gut platzierten Kugeln des Gegners weg, wenn Albert, dem Pointeur, der Weg an das Schweinchen versperrt ist. Das aber ist selten der Fall: bei der Auslosung haben Georges und sein Team ein Gelände erwischt, auf dem eine besonders dicke Kiesschicht liegt. Albert schleudert seine Kugeln also ganz hoch, so dass sie fast senkrecht wieder herunterfallen und genau da liegen bleiben, wo sie hinsollen. Allerdings beherrscht der Gegner diese Kunst auch.
Auch die Vize-Weltmeister - Claudy Weibel, André Lozano und Michel Vancampenhout - müssen sich wie die übrigen 127 Triplettes durch die Vorrunden kämpfen. Die drei sind deutlich jünger als Georges und seine Freunde, so um die 30. Zwischen zwanzig und 40, das ist die Altersklasse die hier am häufigsten vertreten ist. Morgen, nach der Siegerehrung, wird der Nationaltrainer verkünden, wer dieses Jahr zur Weltmeisterschaft nach Portugal fahren darf.



Wir halten uns nicht lange auf bei Weibel und Co. Routiniert werden hier die Gegner abgefertigt, da gibt es spannendere Spiele. Morgen,vielleicht ab Halbfinale, werden wir sie genauer beobachten. Inzwischen ist das Triplette mit Georges Beka ausgeschieden. Die Spiele morgen bis zum Finale will er sich nicht ansehen. Zuschauen macht nur Spass, wenn man selbst noch im Rennen ist. Außerdem sei morgen in Waterloo ein kleines Turnier , beileibe keine Meisterschaft, aber ein Sonntag ohne Kugeln, ohne Nervenkitzel, das bitte nicht! Und was tut er, wenn er mal nicht Boule spielt? Angeln, kommt es ohne Zögern. Ich hatte bei dieser Frage eher an eine Art beruflicher Tätigkeit gedacht. Wahrscheinlich ist Georges Frührentner.
Sonntag. Seit 9 Uhr stehen sie wieder in der Zitadelle, legen, schiessen, palavern und messen genau nach, welche Kugel den geringsten Abstand zum Cochonnet hat. Am frühen Nachmittag – man muss selbst als Zuschauer viel Stehvermögen haben – sind es noch 16 Teams bei den Damen, 32 bei den Männern. Für Claudy, André Lozano und Michel Vancampenhout immer noch ein Spaziergang. Dédé, wie ihn jeder hier nennt , war schon mit 20 jahren französischer Meister im Doublette, im Zweierteam. Das Triplette aber ist die Königsdisziplin. Zusammen haben sie im Frühjahr das Canal plus-Turnier gewonnen, ausgerichtet und übertragen von dem französischen Sender. Aus einer Halle in Lourdes. Acht Mannschaften aus aller Welt, ein Einladungs-Turnier unter WM-Bedingungen. Frankreich hatte zwei Top-Mannschaften geschickt, bestückt mit Weltmeistern der letzten Jahre. Triumphiert aber haben die Belgier, gegen Frankreich 2. Das ist in Namur, auf der Zitadelle, immer noch Tagesgespräch.
Aber während wir den dramatischen Höhenflug und Absturz der starken Malou Vermeulen und ihrer Frauschaft verfolgen, sind die ungekrönten Könige der belgischen Boulewelt ins Straucheln geraten. Sang– und klanglos haben sie verloren. Im Achtelfinale. Ging zulange zu glatt, sagt Claudy, wir haben die Typen nicht ernst genug genommen. Und dann war’s zu spät. 2 zu 13! Naja , ich gönne es ihnen, sie sind aus unserem Club, Joli Bois.



Ein eiliger Abgang, morgen früh wartet die Arbeit. Und nächstes Wochenende wieder ein Turnier in Frankreich. Dafür ist Georges Beka wieder da. In Waterloo regnet es, nur sieben Mannschaften sind erschienen, das Turnier ist abgesagt.
Boule macht süchtig. Ganz sicher haben 98 Prozent der hier versammelten Boulomanen Entzugserscheinungen, wenn sie einen ganz langen Nachmittag und Abend keine Kugel angefasst haben. Bei Volleyball könnte ich mir das eher nicht vorstellen. Georges sagt, er spiele ausschliesslich zum Vergnügen. Gut, Leidenschaft könne man es auch nennen, aber Sucht? Und wechselt schnell das Thema. Wir sollten doch am Donnerstag mitkommen nach Hotton, da gäbe es ein vielbesuchtes Turnier auf dem Campingplatz. Und am Samstag dann Brügge, Sonntag Mons. Und Mittwoch, frage ich. Da spiele ich mit ein paar Leuten bei mir, hinter dem Haus. Eine schöne kleine Bahn, mit Licht. So eine Frage kann Georges Beka überhaupt nicht verblüffen.



Wenn man die Autobahn bei Namur Ouest verlässt, geht es nur noch abwärts in die Stadt, durch Wald und sattgrüne Wiesen. Dann sieht man einen Friedhof auf einem Hügel und direkt darunter liegt, sonnenbeschienen, Georges Dienstwohnung, bzw. Diensthaus. Und Dienstgarage. Denn Georges ist nicht Frührentner, sondern hauptberuflich Totengräber. Bestattungsgehilfe, wie man heute sagt. In der Garage stehen Tische, Stühle und ein Schreibtisch. An dem thront Georges, um die



Einschreibung für sein kleines Turnier vorzunehmen. Die Toilette ist nebenan, links am Sarglager vorbei. Weiter hinten ist Madame Beka mit der Anfertigung einer Tomatensuppe beschäftigt. Die Pokale und Plaketten an den Wänden – klein bis mittelgross – sind das Ergebnis einer 24 jährigen Spieler-Laufbahn. Und im Keller verstauben wertvolle Sachpreise: Videokassetten, ein Küchenmixer, verchromte Radkappen. Ich fahre gar nicht, sagt Georges, Roger oder Albert übernehmen das und bekommen dann die Preisgelder für den Sprit. Partner Roger hat aber doch genau Buch geführt: 40.000 Kilometer sind sie pro Jahr in Sachen Boule unterwegs. So wie nächste Woche: Mittwoch ein Nocturne, ein Nachtturnier, in der Voreifel. Das geht bis 4 Uhr früh. Dann zurück nach Namur, eine Stunde schlafen, wieder los. Um 9 Uhr beginnt das Turnier im niederländischen Eindhoven, alles in allem 900 Kilometer. Wunderbar diese vielen Feiertage im Frühsommer!



Irgendwo hinter der Garage höre ich Kugeln klackern. Und dann präsentiert Georges seinen ganzen Stolz: nicht eine, sondern zehn Bahnen hat er angelegt. Mit Flutlicht, das die Stadt bezahlt, denn der Strom läuft über den Zähler der Dienstwohnung. Ein glücklicher Mann.
Nach und nach sind etwa 40 Freunde und Nachbarinnen angerückt. Wer mit wem spielt, wid ausgelost. Mich erwischt Janine, eine kleine Zweizentner-Frau mit nur noch wenigen Zahnstummeln im Mund und gewaltiger Schusskraft. Die belgische Krankenkasse zahlt schon lange nicht mehr für Zahnersatz. Sehr viel hübscher ist übrigens keiner hier, bei den Männern schon gar nicht. Der Boule-Virus befällt die Reichen und Schönen offenbar ungern.
Dafür stört vier Stunden lang kein Handy-Piepsen die heitere Gelassenheit. Janine ist hochzufrieden. Alle drei Spiele haben wir gewonnen, obwohl, die letzte Runde gegen die beiden zehnjährigen Jungtalente... Da wollen wir uns nichts drauf einbilden. Ein fast voller Mond strahlt durch die Bäume, das Flugzeug hoch oben im blauschwarzen Himmel glänzt noch wie in Erinnerung an die Sonne. Und Georges holt seinen prächtigsten Pokal hervor: voriges Jahr ist meine Tochter Elisabeth gestorben, 26 Jahre alt. Seitdem kann ich nicht mehr auf dem Friedhof arbeiten, die Stadt hat mich in die Strassenmeisterei geschickt. Aber die Freunde hier haben für Elisabeth ein Gedächtnis-Turnier organisiert. Einen ganzen Tag lang, acht Partien. Wir haben sie alle gewonnen, mein Sohn und ich.




Vom Spiel allein kann keiner leben

Claudy Weibel lebt in einem Wohn-Container ganz im Süden Belgiens. Etwas eng für vier Personen, aber es geht. Letztes Jahr ist ihm das Haus abgebrannt. Nichts ist übriggeblieben, kein Pokal, kein Erinnerungsfoto. Dafür ist er mit dem Container jetzt gleich bei der Arbeit auf dem Gewerbehof seines Vaters. Trödler sei er, sagen die Leute in Brüssel. Claudy spricht von Antiquitäten. Mit Vater Michel restauriert er Fachwerkhäuser und Möbel, handelt mit alten Kaminen. Vom Spielen kann keiner leben, auch ein Champion nicht.
Freitag mittag. Hier hinter der Scheune ist es heiß und friedlich. Vor dem Container liegen jede Menge Kugeln im Kies, alle mit Rostflecken, selbst seine Wettkampfkugeln. In zwei Stunden wollen Dédé und Michel aus Brüssel kommen, um ihn zu einem National in Grenoble abzuholen.



Ob ich auch Boule spiele, fragt Claudy. Aber gern, und locker geht’s los auf dem zerfurchten, steinigen Hof. Immerhin fünf Punkte kann ich für mich verbuchen. Klar, der Mann kennt ja hier jeden störenden Stein persönlich. Bei der Revanche nimmt Claudy Rücksicht auf mein derzeitiges Handicap und und spielt ebenfalls mit links. Und gewinnt natürlich trotzdem. Aber nur noch mit zwei Punkten Vorsprung, 13:11. Trotz des Ausrutschers im Achtelfinale von Namur ist Weibel mit seinen Dauerpartnern inzwischen für die WM in Portugal nominiert.
Vater Weibel steigt vom Lastwagen und bittet zum Kaffee ins Haus. Und vielleicht seien ja doch noch einige Pokale bei ihm auf dem Speicher. Hier in der Gegend interessiert das keinen, dass sein Claudy so ein As ist, empört er sich: als der Junge neulich das Canal plus gewonnen hat – 30.000 Francs, aber französische - hat keine Zeile in den Provinzzeitungen gestanden. Früher, als wir noch in Luxemburg gewohnt haben und zusammen alle Titel abgeräumt, ist das anders gewesen. Und er holt zur Feier des Tages eine Flasche Champagner: In Clermond-Ferrand ’94, da ist Claudy schon einmal im WM-Finale gewesen. Drei Stunden und 45 Minuten hat die Schlacht gegen die amtierenden Weltmeister aus Frankreich gedauert, und sie ist in die Geschichtsbücher eingegangen. 13:12 gewonnen. Aber das war erst im Halbfinale. Und im Finale gleich danach sei dann die afrikanische Viertelstunde hereingebrochen.



Falls ihr mal eine schöne Kommode braucht, sagt Michel Weibel und schiebt einige Visitenkarten über den Tisch. Zehn Jahre lang ist er durch Eifel und Hunsrück gefahren und hat den Bauern die alten Schränke abgekauft. Der Großvater sei auch immer unterwegs gewesen, mit einer Schießbude auf der Kirmes. Madame Weibel blickt ihren Mann missbilligend an und wirkt erleichtert, dass gerade jetzt die Freunde aus Brüssel vor der Tür hupen. Frankreich wartet.

Nächtliches Finale

Georges Beka ist uns schon zwei Wochen später wieder über den Weg gelaufen. Die Wegelagerer - oder doch besser Schlitzohren – aus Köln Dellbrück veranstalten ein sommerlich-nächtliches Turnier. Harte Bandagen diesmal, fünf Runden. Spielzeitbegrenzung auf eine Stunde je Spiel. Präsident Vanesse will nämlich morgen



früh mit Charlot bei der Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft antreten. Und Georges hat sich Antwerpen im Turnierkalender angekreuzt. Dieses Campingplatz-Turnier in Hotton haben wir gewonnen, sagt er, zweiter Platz in Eindhoven, aber heute wird es schwer. Da sei nämlich ein Team aus Lüttich am Start, der Schiesser ist erst zwanzig, ein grosser Abräumer, trés fort. Unvermittelt fügt Georges hinzu: Ende des Jahres werde ich 55. Und strahlt.
Also dann doch Führentner, denke ich. Kann ich mir gar nicht leisten, sagt Georges. Aber ab 55 spiele ich in einer anderen Altersklasse. Und dann wird Georges Beka bei jedem Challenge Vétéran in Belgien und Frankreich zu den jungen Hitzköpfen zählen, die die grossen Turniere dominieren.
Aber heute nacht in Delbrück hat er es den Zwanzigjährigen aus Lüttich noch einmal gezeigt. Roger hat wunderbare Kugeln gelegt, Georges hat sehr ordentlich geschossen. Und als es 8:8 steht, hat der junge Tireur aus Lüttich von seinem Leger verlangt, der solle jetzt auch schiessen: fünf Punkte auf einen Schlag könnten sie machen, damit wäre der Sack zugebunden. Dem Leger ist das aber zu riskant gewesen und er hat lieber gelegt. Da hat der Lütticher Tireur seinen Leger fürchterlich runtergemacht und von da an war natürlich der Wurm im Team. Georges hat grinsend noch eins draufgesetzt, die Zitadelle von Namur wankt nicht, wenn der Lütticher Löwe brüllt. Oder so ähnlich. Und dann haben Georges und Roger, die sich seit zehn Jahren nicht mehr streiten, seelenruhig das Spiel für sich entschieden.
Leider ist JPP Bourdoux bei der Siegerehrung dann ein Missgeschick passiert, er hat die Briefumschläge mit den Preisgeldern vertauscht. Aber Georges spielt ja ohnehin nur zum Vergnügen. Doch, hat er gesagt.